Stets auf Achse für die Idee

Von Matthias Kersten | Fotos: Santiago Engelhardt | Drucken

Raphael Fellmer sammelt mit seinem Team die von Lieferanten und Handel ausgemusterten Lebensmittel ein. Deren Mindesthaltbarkeit ist zwar abgelaufen, der Verzehr aber unbedenklich. Teile davon verschenkt er an soziale Einrichtungen, andere verkauft er günstig in einem stationären Geschäft .

Sie bezeichnen sich als Lebensmittelretter. Was ist unter diesem etwas dramatisch gefärbten Begriff zu verstehen?
Fellmer: Vor Jahren habe ich zum ersten Mal gehört, dass Lebensmittel, deren MHD abgelaufen ist, von Erzeugern, Verarbeitern oder Händlern weggeschmissen werden. Und das, obwohl sie eigentlich noch genießbar sind. Das summiert sich weltweit auf 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel im Wert von insgesamt 980 Milliarden Dollar, die jährlich verschwendet werden. Das würde reichen, um die Hungernden rund um den Globus vier Mal zu ernähren.

Sind Sie dem Hörensagen auf den Grund gegangen?
Fellmer:
Ja, zunächst in Den Haag, dann in über 20 Ländern, auch außerhalb von Europa. So haben wir Bewusstsein für die Verschwendung von einem Drittel aller weltweit produzierten Lebensmittel geschaffen.

Wie haben Sie das überprüft?
Fellmer: Indem ich in die Abfallcontainer der Supermärkte gestiegen bin und nach verzehrbaren Lebensmitteln gesucht habe. Da habe ich jede Menge Ware gefunden, deren MHD gerade erst abgelaufen bzw. die noch genießbar war – egal, ob verpackt oder unverpackt.

Und das fanden Sie skandalös.
Fellmer: Ich neige nicht zum Skandalisieren. Aber es war und ist in meinen Augen eine ethisch fragwürdige Form der Verschwendung. Vor allem angesichts des Hungers in der Welt – auch in Deutschland.

Was war Ihre Konsequenz?
Fellmer: Seitdem habe ich nach Lösungen gesucht, wie man diese Ware wieder in den Kreislauf integriert. Zudem habe ich von Januar 2010 bis Mai 2011 eine Reise gemacht, die mich bis nach Mexiko geführt hat. Ich wollte herausfinden, ob es diese Art Lebensmittelverschwendung auch in anderen Ländern gibt. Zu meiner Überraschung habe ich dieses Phänomen in armen wie in reichen Ländern angetroffen.

Auf der Reise sind Sie in Geldstreik getreten. Was heißt das?
Fellmer: Ich hatte kein Geld dabei, habe keins angenommen und keins ausgegeben. Während der Reise und auch danach bin ich in Lebensmittelgeschäfte oder auf Märkte gegangen und habe nach überschüssiger Ware gefragt. Außerdem habe ich gearbeitet und mich mit Naturalien bezahlen lassen: Lebensmittel, Dach überm Kopf, Ärzte etc.

Quasi zurück zur Tauschwirtschaft?
Fellmer: So kann man das nicht sagen. Es ging vielmehr um bedingungsloses Geben und Nehmen, und zwar buchstäblich.

Wann haben Sie den Geldstreik abgebrochen?
Fellmer: Nach über fünf Jahren. Auch zusammen mit meiner Frau und unseren zwei Kindern habe ich so mehrere Jahre gelebt, aber irgendwann haben wir dann keine passende Bleibe für uns gefunden, und da wurde mir klar, dass ich den Geldstreik aufhören muss. Aber meine Idee der Lebensmittelrettung habe ich weiterverfolgt und wollte sie professionalisieren.

Also weiter Tonnentauchen für den guten Zweck. Ist das eigentlich legal?
Fellmer: In der Tat war das auf Dauer nicht unproblematisch. Also habe ich Kontakt zu Bio Company aufgenommen, um die ausgemusterte Ware zwei Mal pro Woche legal abzuholen. Ich bin direkt auf den Inhaber Georg Kaiser zugegangen und habe ihm meine Idee und mein Konzept vorgestellt. Er war sogleich begeistert und hat mir und dem von mir organisierten Team erlaubt, die Lebensmittel vor der Tonne zu bewahren. So ist die Lebensmittelrettungs-Bewegung entstanden.

„Bewegung“ heißt mehr als nur Einzelaktionen.
Fellmer: Richtig. Aus einer Filiale der Bio Company wurden mehrere, hinzu kamen andere Läden wie Bäcker und so weiter. Und irgendwann waren wir 150 Personen, die ehrenamtlich mitgemacht haben. Wir haben die von den Läden ausrangierten Lebensmittel sortiert und Ungenießbares wieder in den Müll geworfen. Die verwendbaren Produkte haben wir an soziale Einrichtungen und Nachbarn verteilt bzw. selber gegessen.

Wie haben Sie das logistisch gestemmt?
Fellmer: Da sind wir bald an unsere Grenzen gestoßen. Also haben wir Anfang 2013 eine Plattform im Internet geschaffen, um die Ware zu distribuieren. So hat sich die Bewegung in ganz Deutschland ausgebreitet. 2014 haben wir unsere Aktivitäten mit der Foodsharing fusioniert; inzwischen sind wir über 30.000 ehrenamtliche Foodsaver, die bei mehr als 3.500 Kooperationspartnern die Lebensmittel vor der Tonne bewahren. 11 Millionen Kilogramm konnten wir auf diese Weise schon retten.

Kürzlich haben Sie in Berlin zusätzlich ein stationäres Geschäft eröffnet - warum?
Fellmer: Nach vielen Jahren des Ehrenamts habe ich erkannt, dass wir so die Verschwendung nicht nachhaltig in den Griff bekommen können. Deswegen habe ich mich zusammen mit meinen Mitgründern von SirPlus entschlossen, das Lebensmittelretten zum Mainstream zu machen und in die Mitte der Gesellschaft zu bringen - also allen Menschen, aber auch dem Handel und den Produzenten das Retten überschüssiger Lebensmittel einfach und effizient zugänglich zu machen.

Also haben Sie „SirPlus“ gegründet. Was verbirgt sich hinter dem Begriff?
Fellmer: Der Name ist Programm. Er ist abgeleitet vom englischen „surplus“ (Mehrwert bzw. Überschuss). Das „Sir“ steht quasi für den Butler, der die Lebensmittelüberschüsse mit Respekt der Gesellschaft zurückbringt. Konkret handelt es sich um ein stationäres Geschäft sowie einen Online-Shop einschließlich Lieferservice. Wir distribuieren die Ware in Berlin innerhalb eines Tages, deutschlandweit innerhalb von maximal zwei Tagen.

Welches Ziel haben Sie vor Augen?
Fellmer:
Unser erster Laden ist vor wenigen Monaten in Berlin-Charlottenburg eröffnet worden. Wir werden in den nächsten Jahren europaweit 35 stationäre Läden einschließlich Lieferservice eröffnen. Das hört sich ehrgeizig an, und ist es auch. Aber wir wollen nicht nur Konsumenten erreichen, sondern auch die Hotellerie und Gastronomie; außerdem wollen wir später eigene Produkte aus B- und C-Ware rausbringen.

Wie reagieren die Kunden im Laden auf das nicht eben alltägliche Warenangebot?
Fellmer: Durchweg positiv. Wenn Fragen wegen des abgelaufenen MHD kommen, leisten wir direkt vor Ort Aufklärungsarbeit. Die Verbraucher unterscheiden ja in der Regel nicht zwischen „Mindesthaltbar bis...“ und „Verzehrbar bis...“. Wir führen allerdings auch frische Ware, die wir direkt vom Landwirt beziehen – zum Beispiel überschüssige Kartoffeln, zu große Kürbisse oder Produkte, die nicht den EU-Formstandards entsprechen. Da stellt sich die Frage gar nicht.

Welche Sortimente führen Sie derzeit?
Fellmer: Zu Beginn hatten wir 40 Artikel, heute bieten wir bereits 150 an, und es werden täglich mehr. Wir haben angefangen mit Obst und Gemüse, Brot- und Backwaren sowie Getränken. Inzwischen führen wir auch gekühlte Produkte, also Mopro sowie abgepacktes Fleisch.

Wie frequentiert ist der Laden?
Fellmer: Derzeit kaufen bis zu 600 Kunden pro Tag bei uns ein. Damit sind wir durchaus zufrieden. Und wir haben schon viele Stammkunden.

Woher beziehen Sie die Ware?
Fellmer: Wir holen sie nicht nur bei Landwirten und Produzenten, sondern auch beim Großhandel ab. Zum Beispiel bei der Metro. Wir arbeiten übrigens nicht in Konkurrenz zu den Tafeln, da sie keine Ware mit abgelaufenen MHD nehmen. Und 20 Prozent der Produkte spenden wir an soziale Einrichtungen.

Wie ist der Warenbezug organisiert?
Fellmer: Wir haben inzwischen einen eigenen Kühl-Transporter, mit dem wir die Ware in der Region selbst abholen. Bundesweit arbeiten wir mit Logistikpartnern zusammen.

Gibt es so etwas wie Qualitätssicherung?
Fellmer: Ja, wir prüfen die Ware vorschriftsmäßig auf Genießbarkeit. Das Überprüfen der Lebensmittel auf Unbedenklichkeit hat höchste Priorität bei uns. Kurz: Wir erfüllen alle gesetzlich vorgeschriebenen Hygienestandards.

Wie hat man sich das vorzustellen?
Fellmer:
Das sind sensorische Prüfungen, also riechen, schauen, schmecken. Das wird alles dokumentiert – vom Wareneingang über das Lager bis zum Verkauf. Was nicht mehr genießbar ist, schmeißen wir in die Tonne.

Mit dem Laden generieren Sie Umsatz. Was machen Sie damit?
Fellmer: Wir schreiben leider noch keine schwarzen Zahlen. Um die Kosten tragen zu können, brauchen wir noch mehr Umsatz, denn auch unser Team wächst ständig. Derzeit sind wir 18 Personen, davon acht fest Angestellte und zehn Praktikanten. Wir brauchen aber zusätzliche Manpower, da wir noch viel mehr Lebensmittel retten müssen. Und wir zahlen Löhne und Gehälter, schließlich haben wir wie andere Menschen auch private Kosten zu tragen.

Wie entwickeln sich die Umsätze?
Fellmer: Seit Öffnung von SirPlus haben sie sich verdoppelt. Das ist eine win-win-Situation für alle Beteiligten: Die Händler und Landwirte freuen sich, dass sie die Ware ohne Entsorgungskosten loswerden, und die Kunden freuen sich, dass sie bis zu 70 Prozent günstiger einkaufen können.

Sind Sie ein Weltverbesserer?
Fellmer: Im weitesten Sinne ja. Sagen wir so: Ich verstehe mich als sozialer Unternehmer, der aber aus gutem Grund eine durchaus konventionelle Wachstumsstrategie vertritt. Denn wenn wir wachsen, dann heißt das, dass immer mehr Lebensmittel gerettet werden. Anders gesagt: Je größer wir werden, desto kleiner wird das Problem. Und das macht die Welt ein Stückchen besser.

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