Gespräch mit Prof. Dr. Achim Spiller

Von Sven Krause | Drucken

Prof. Dr. Achim Spiller spricht mit uns über die Potenziale von Heu-und Weidemilch, die als neue Hoffnungsträger im Mopro-Segment gelten.

Wie würden Sie aus Ihrer Sicht „Heu- und Weidemilch“ definieren?
Prof. Dr. Achim Spiller: Für Heumilch gibt es ja durch den EU-Schutz als geschützte traditionelle Spezialität, den Österreich erfolgreich beantragt hat, eine rechtlich verbindliche Definition. Im Wesentlichen ist dort der Verzicht auf Silagefutter festgelegt, historisch entstanden aus der (früheren) Notwendigkeit, Rohmilchkäse silagefrei produzieren zu müssen. Hinzu kommen GVO-Freiheit, außerdem muss der Raufutteranteil in der Jahresration mindestens 75 % der Trockenmasse betragen.  Bei Weidemilch ist die Situation nicht so klar. Hier hat sich allerdings aus Holland kommend ein de-facto-Standard herausgebildet, den heute die meisten Weidemilchanbieter einhalten: Die Kühe müssen dann mindestens 120 Tage im Jahr mindestens 6 Stunden auf die Weide.

Wie viel Nachhaltigkeit steckt aus Ihrer Sicht hinter dem von den Produzenten verabschiedeten „Haltungskriterien“ für Heu- und Weidemilch?
Prof. Dr. Achim Spiller: Weidehaltung ist aus mehreren Gründen besonders nachhaltig: Der Weidegang der Kühe fördert die Biodiversität, da die Kühe die Wiesen ungleichmäßiger abfressen als bei mechanischer Mahd. Für den Tierschutz ist Weidegang besser. Allerdings kommt es zu etwas geringeren Leistungen, was sich in der Klimabilanz niederschlagen kann. Allerdings gibt es große Unterschiede in der Futteraufnahme bei Weidegang: von der sogenannten Joggingweide, wenn die Kühe im Wesentlichen im Stall Kraftfutter bekommen, bis zur Vollweide nach irischem Muster. Auch ist zu beachten, dass vom gesamten Milchaufkommen nur 15 % in Frischmilch gehen. Weidemilchprogramme werden nur dann den Rückgang der Weidehaltung in Deutschland aufhalten können, wenn es auch Käse und Milchprodukte aus Weidemilch gibt – so wie in den Niederlanden.

Wie viel Mehrwert kann der Handel daraus ziehen?
Prof. Dr. Achim Spiller: Heu- und Weidemilch sind Premiumprodukte. Allerdings ist es auffällig, dass in jüngerer Zeit die Weidemlichprogramme der Discounter relativ preisgünstig angeboten werden. Dies kann Vorteile für die schnellere Verbreitung im Markt haben. Auch sind die Mehrkosten der Landwirte bei Weidemilch nicht so hoch, nach Berechnungen ca. 3 Cent/Liter plus höhere Transaktionskosten der Molkereien. Allerdings wird bei kleinen Weidemilchaufschlägen Preisbereitschaft der Verbraucher „verschenkt“, da nach unseren Studien Preise auch um oder etwas über 1 Euro/Liter Frischmilch möglich wären.

Welche Verbraucher- und Kundenstruktur wird mit „Heu- und Weidemilch“ angesprochen?
Prof. Dr. Achim Spiller: Heu- und Weidemilchprodukte sprechen die Gruppe der qualitäts- und umweltorientierten Verbraucher an. Das spannende an diesen Artikeln ist, dass die Verbraucher mit dem Futter und der Haltung nicht nur Umwelt- und Tierschutzvorteile, sondern auch einen besseren Geschmack verbinden. Beides ist also auch für ein Sensorikmarketing spannend.

Wie müsste aus Ihrer Sicht diese „andere“ Art der Milch am PoS inszeniert werden?
Prof. Dr. Achim Spiller: Besondere Chancen würde ich hier für die Zielgruppe der Foodies sehen. Während Heumilch für Süddeutschland besonders interessant ist und hier an das Alm- und Bergimage anknüpft, kann Weidemilch die norddeutsche Wiesenlandschaft aufgreifen. Aus beidem zusammen lassen sich gerade für das Käsemarketing schöne Erlebniswelten schaffen.

Sehen Sie in „Heu- und Weidemilch“ einen längerfristigen, erfolgreichen Aufbau eines neuen Sub-Segments, ähnlich wie Arla es mit Skyr geschafft hat, oder nur einen kurzen Hype, der fast schon wieder vorbei ist?
Prof. Dr. Achim Spiller: Aus meiner Sicht ist Weidemilch ein Megatrend. Wir haben eine Reihe von Studien durchgeführt, in denen wir Verbraucher zu Tierschutz und verschiedenen Haltungssystemen befragt haben. In diesen repräsentativen Erhebungen zeigt sich für Deutschland ganz klar: Die Verbraucher denken, dass eine Kuh auf die Weide gehört. Diese Haltungsform wird von 90 % der Verbraucher geschätzt. Eine reine Stallhaltung lehnt mehr als die Hälfte der Verbraucher ab. Viele Menschen in Deutschland wissen aber noch nicht, dass der Weideanteil immer kleiner wird. In den Niederlanden hat es dazu eine breite gesellschaftliche Diskussion gegeben. Der Gesetzgeber wollte daraufhin die Milchbauern zur Weidehaltung verpflichten. Die Branche konnte dies nur durch eine freiwillige Selbstverpflichtungserklärung mit hohem Weideanteil abwenden und bemüht sich jetzt sehr, die Weidehaltung wieder auszubauen. Vieles spricht dafür, dass auch die deutsche Milchwirtschaft gut daran tut, den Weidegang der Kühe zu sichern, um nicht ähnliche Akzeptanzprobleme wie die Schweine- und Geflügelwirtschaft zu bekommen.

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