"Wir können das jetzt auch"

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  • Ulrike Detmers

    Foto: R. Rosendahl

  • Ulrike Detmers, Mestemacher

    Foto: R. Rosendahl

Frau, Mensch, Partnerin, Mutter, Unternehmerin, Professorin, Kämpferin... Ulrike Detmers lebt jede Rolle leidenschaftlich aus. Der Drang nach Veränderung in der Gesellschaft brachte ihr sogar das Bundesverdienstkreuz.

Frau Detmers, in Ihrer Biographie sprechen Sie viel über die Bereicherung der Geschlechter. Wie kann das im Ideal aussehen?
Also grundsätzlich teile ich nicht in Frau oder Mann. Ich rede immer von Menschen - und von menschlicher Bereicherung. Die sehe ich im Zusammenfließen unterschiedlicher Fähigkeiten, Perspektiven, Meinungen, Wünsche, Ideen. Einen solchen Austausch erachte ich als bereichernd.

Sie beschreiben sich als durchsetzungsstark und freiheitsliebend, aber auch als kompromissbereit und anpassungsfähig. Haben Sie sich letztere Eigenschaften angeeignet, um in unserem gesellschaftlichen Erfolgssystem zu bestehen?
(lacht) Mit dem Kopf durch die Wand, das bin ich nicht. Ich bin eher die Diplomatin. Und ich überlege mir immer mit welcher Methode ich am besten fahre - quasi wie beim Schachspiel.

Die Brechstange lassen Sie also lieber liegen.
Es gibt da einen Spruch, den ich liebe: In der Mitte wirst du am sichersten gehen. Mir geht es darum, keinen Menschen zu verprellen, sondern sie mitzunehmen, ohne dabei allerdings als Moralapostel aufzutreten.

Ihr damaliger Doktorvater hat Ihnen geraten, selbstbewusster zu sein. Das passt eigentlich so gar nicht zu der Stärke, die Sie haben und ausstrahlen.
Ich neigte damals eher zu einer gewissen Unterwürfigkeit. Ich war eben so erzogen, vor älteren Menschen einen Knicks zu machen. Mir fehlte innere Stärke. Die musste erstmal raus.

Sie kämpfen für die Gleichstellung von Mann und Frau und haben mit Ihren Initiativen unserer Gesellschaft einen gewichtigen Stempel verliehen. Woher haben Sie diesen unendlichen Drive für Ihre Visionen?
Der steckt einfach in mir. Ich will etwas bewegen in unserer Gesellschaft. Es muss um das Jahr 2000 gewesen sein, also ich mir folgendes Ziel gesetzt habe: Du wirst die Mehrheit der Frauen hinter dich bringen und auch die der modernen Männer, denn damit hast du die Mehrheit.

Das müssen Sie näher erklären.
Ich denke immer in Mehrheitskategorien. Ich will ja keine Eulen nach Athen tragen. Wenn ich mich engagiere, dann rechne ich damit, dass ich andere mitziehe. Mir war klar, dass ich nie 100 % hinter mir stehen haben werde, aber mir reichen dann eben auch 75 %.

Was ist Ihr Appell an alle starken Frauen?
Ihr braucht Mitstreiter. Menschen, die Ihnen den Rücken stärken. Als Einzelkämpfer kommen Sie nicht ans Ziel. Ich würde allen raten, Seilschaften aufzubauen. Denn wer eine Lobby hat, der wird nach oben getragen.

Wie weit oben sind wir auf der Messlatte der Stärkenverhältnisse?
Ich hatte hierzu ein Déjà-vu bei der Verleihung des Spitzenvaters 2017. Bei einer Rede spielte ich mir die Bälle mit zwei anderen Mitstreiterinnen zu. Da gab es keinen Drang, sich hervorzuheben. Wir waren einfach stark und haben perfekt zusammengespielt. Da wurde mir klar: Das ist es, was die Männer jahrtausendlang beherrschen - und wir können es jetzt auch.

Welche Note würden Sie Deutschland in Sachen Gleichstellung geben?
Eine 3.  Mittlerweile vielleicht sogar eine 2,7. Ich denke, wir werden in den nächsten 10 Jahren auf die 2,0 kommen. Das Thema Gleichstellung ist ein Ertragsfaktor - ein Wachstumsfaktor für alle Lebenswelten. Norwegen, Schweden aber auch Frankreich sind hier schon viel weiter als wir.

Sind Sie für die Quote?
Absolut. Solange die Unterrepräsentanz noch so krass ist, geht es nicht anders. Immer wieder lese ich Artikel in namhaften Zeitungen, bei denen das Thema Gleichstellung ausgehebelt wird - in denen Männer für fähiger gehalten werden, einen Spitzenjob zu machen als Frauen, auch weil sie angeblich bessere Seilschaften haben. Ich finde: Das geht so nicht.

Wie definieren Sie eigentlich Erfolg?
Erfolg bedeutet für mich wenn ich mein Ziel erreicht habe. Dann gibt es einen kurzen Augenblick der Freude, bevor ich gleich das nächste Ziel angehe.

Langweilen Sie Dinge schnell?
Oh ja. Und ich bin extrem ungeduldig.

Wenn Handel und Industrie eine Beziehung hätten, was müsste sich ändern, damit beide miteinander glücklich wären?
Wir bräuchten tendenziell mehr Machtgleichgewichte. Der Handel ist natürlich der Machtvollere. Aber beide müssen sich auf Augenhöhe begegnen. Da müssen Synergieeffekte her. Problematisch wird es immer dann, wenn sie schwache Spitzenmanager haben, die es allen recht machen wollen.

Wir brauchen also vor allem die richtigen Charaktere an den richtigen Stellen?
Ja. Denn Machtspiele verhindern viel. Klar, sie gehören dazu. Aber bitte elegant und auf einer hoch-sublimen, feinen Ebene. Ursula von der Leyen aber auch Angela Merkel spielen mit der Macht, aber subtil. Macht heißt ja auch Einfluss. Der ist auf der Sachebene völlig richtig angesiedelt. Donald Trump dagegen ist ein Poltergeist. Der meint, jetzt komme ich. Ein Mensch, der erzogen werden muss.

Apropos Macht. Amazon lässt die Branche zittern. Nachvollziehbar?
Ich sehe Amazon nicht als Bedrohung. Eher als Stachel im Fleisch. Er piesackt den Handel und sagt „bleibt wettbewerbsfähig".

Ist er das denn - der deutsche Handel?
Ich glaube, dass wir in der Erlebnisorientierung öfter mal etwas ganz Neues brauchen. Da müssen eben auch völlig neue Wege beschritten werden. Dazu ist der Handel in der Lage. Er läßt sich nicht die Butter vom Brot nehmen.

Warum sind Sie eigentlich nicht in die Politik gegangen?
Mir ist Ehrlichkeit sehr wichtig. Und: Ich muss mit Überzeugung hinter einer Sache stehen. Da wäre ich in der Politik vielleicht untergegangen. Aber ich bin mit Leib und Seele Familienunternehmerin und Professorin. Ich liebe es, schnell Neuerungen zu installieren und Menschen zu führen. In der Politik dauert es demokratischerweise länger, bis Entscheidungen zustande kommen.

Sie sind vor 3 Jahren an Krebs erkrankt. Wie (er)leben Sie heute Ihre Gesundheit?
Ich lasse mich permanent checken. Die Ergebnisse sind gut, das ist das Wichtigste. Aber die Angst bleibt, dass der Krebs zurückkommt. Das ist ein Damoklesschwert - und es pendelt über mir.

Ihr Mann ist an Ihrer Seite seit Sie 15  sind. Wofür sind Sie ihm dankbar?
Für seine unglaubliche Großzügigkeit und für seine Toleranz. Ich bin ihm auch dankbar, dass wir Mestemacher gemeinsam mit seinem Bruder Fritz aufbauen konnten.

Was sind Ihre Wünsche für Mestemacher?
Nationale und internationale Expansion. Wir wollen in den nächsten Jahren die 200 Millionen-Umsatzmarke erreichen. Und: Wir wollen auch in Zukunft ein Unternehmen sein, bei dem man gerne arbeitet.

Über bestehende oder über neue Märkte?
Wir entwickeln uns fantastisch in den USA, aber auch in Asien. Der Trend spricht für unsere Produkte. Die Alterung der Gesellschaft stellt die Gesundheit und das Ernährungsbewusstsein in den Vordergrund. Das sehen wir auch in Frankreich wo wir zwischen 3 und 4 % wachsen.

Was brauchen Sie um richtig glücklich zu sein?
Wenn ich morgens aufwache und an gestern denke, mich dann frage, ob es offene Baustellen gibt und ich sagen kann „nein, die gibt es nicht" - das macht mich rundum glücklich. Glück ist für mich natürlich die Gesundheit und wenn es in der Firma gut läuft.

Was macht Sie traurig?
Wenn Frauen, die Top-Leistungen vollbringen, ständig unterstellt wird, sie könnten kein Top-Unternehmen führen. Solche Klischees mag ich nicht.

Welche Träume haben Sie?
Dass alles so weitergeht. Und dass mein Mann und ich gesund bleiben.

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